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Wer bin ich? Eine alte Frage oder: Von der Berufung des Mose
Ansprache von Dr. Matthias Schreiber zum 50. Geburtstag von Norman Rentrop

Dr. Matthias Schreiber

Wer bin ich?
Eine alte Frage oder:
Von der Berufung des Mose
(2. Mose 3,1-14)

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.

Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.

Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.

Als aber der Herr sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich.

Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!

Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht: denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.

Und der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.

Und ich bin herniedergefahren, dass ich sei errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter.

Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägypten?

Er sprach: Ich will mit dir sein. Und dass soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe. Wenn du mein Volks aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.

Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche mit Ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt! Und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name? Was soll ich ihnen sagen?

Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: „Ich werde sein“, der hat mich  zu euch gesandt.


Wer bin ich?
Eine Deutung
von Matthias Schreiber

Das ist ein langer Text. Und bei langen Texten, zumal bei langen Bibeltexten, da kann es leicht sein, dass die Ersten schon beim Lesen auf und davon sind. Und dafür gibt es ja auch gute Gründe.

Ein Busch im Feuer, der nicht verbrennt. So etwas gibt es nicht! Da scheint die Flucht aus Gründen der Vernunft gar nicht der schlechteste Ausweg. Eine Geschichte, die nach Schafmist riecht und von einem Hirten handelt. Da hält man sich in unserer Zeit der weißen Kragen besser fern. Eine Geschichte über Völker, die in das Rad der Geschichte nicht nachhaltig eingegriffen haben, die von der Landkarte längst verschwunden sind, Perisiter, Hiwiter, Jebusiter …
Beim Lesen auf und davon, weil es einfach keinen Sinn  macht, sich die Geschichte der Jebusiter zu merken.

Aber dann, während man sich so Stück für Stück aus diesem Bibelwort herausgestohlen und seinen eigenen Gedanken zugewandt hat, kommt dieses Gespräch. Während man sich noch am brennenden Dornbusch, an diesem special effect sei es stören oder – im Gegenteil – sei es verzweifelt daran festhalten will, gibt es dieses Zwiegespräch, bei dem man dann doch hinhört.

Wer einmal versucht hat, mit einem Hirten ins Gespräch zu kommen, der wird anerkennen, dass es wenigstens zwei Wunder in diesem alten und viel erzählten Text gibt. Einen Hirten zum Sprechen zu bringen, das ist nämlich gar nicht so leicht, das grenzt an ein Wunder. Und wenn Hirten schon mal sprechen, dann will man doch wissen, was sie sagen. Dann hört man genau hin.

Nur, Mose scheint ein waschechter Hirte zu sein. Er lässt zwar nicht seinen Hund sprechen, wie die Hirten das manchmal tun, wenn man sich ihnen nähert, aber er lässt sich auch nicht zu einer Aussage hinreißen. Er sagt nichts, aber er fragt. Er stellt zwei Fragen, die es in sich haben: Wer bin ich?“ lauten seine ersten Worte, „dass ich zum Pharao gehe und ihm das Ende und die Freiheit der Israeliten ankündige?“ da spürt man seine Erziehung: “Geh nur zum König, wenn Du gerufen wirst!“ Das ist ein weiser Satz. Da spürt man aber noch mehr. Da spürt man Vorsicht und wohl auch Zurückhaltung. Mose wurde ja in Ägypten gesucht, weil er einen Menschen umgebracht hatte. Und da sollte er jetzt hin zurück? „Wer bin ich?“

Und dann die zweite Frage: Gesetzt den Fall, ich machte mich auf und ginge darunter und sagte: „Gott hat mich gesandt“, und sie mich fragten: Wie ist sein Name? Was soll ich dann sagen? Ein Hirte, zwei Fragen und viele Schafe: Wer bin ich? und Wer bist Du?

Und wie antwortet Gott? Sehr verschieden! Auf die Frage „Wer bist Du, Gott? Antwortet er: Ich bin der, der ich bin. Ich bin ich. und auf die Frage des Mose nach sich selbst antwortet Gott: Ich werde mit Dir sein. Und darin, in diesen beiden Antworten liegt das Evangelium, liegt die gute Wahrheit dieses Bibelwortes! In dem Gespräch zwischen Mose, der kurz angebunden ist, und Gott, der sich treu ist, flammt die Treue und die Güte Gottes auf, ohne zu verbrennen. Darin liegt das Wunderbare dieser Erzählung!

Was hätte es bedeutet, wenn Gott auch zu Mose gesagt hätte: „Du bist Du!, so wie er zu sich selber sagt: „Ich bin ich“? Das hätte für Mose nicht gut ausgesehen! Du bist Du! Das hätte nichts anderes geheißen als: Du bist ein Totschläger! Du erinnerst Dich doch noch daran, wie Du den Ägypter beseitigt hast damals. Du bist Du! Du bist ein Findelkind! Elternlos angeschwemmt in einem Korb auf dem Nil! Du bis Du! Du bist ein Stotterer! Deshalb stelle ich Dir den Aaron zur Seite.

Du bist Du! Das sind unsere Maßstäbe. Das sind die Kriterien, die wir Menschen anlegen und recht getan wohl auch anlegen müssen. Aber so spricht nicht Gott! Der, der sich selbst treu ist, bleibt auch dem Menschen treu, der bestenfalls von sich sagen könnte: Ich bin ein Schafhirte, aber eben auch ein Mörder. Der, der spricht: Ich bin ich, der spricht weiter und sagt: „Ich werde mit Dir sein!“ Das gilt auch heute! Und das gilt jedem Menschen! Dir auch!

Weil es in immer anderen Worten und Taten die Bibel durchzieht, darfst Du Dich daran halten: Ich bin ich: D.h. ich bin der, auf den Du Dich verlassen sollst.

Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit. Gott ist Gott. Er ist nicht heute der und morgen ein anderer Gott. Gott ist kein Wackelkandidat. Gott ist nicht heute für uns und morgen gegen uns. Gott ist spürbar für uns Gott.

Und er sagt: Ich werde mit Dir sein: Das ist der Satz, der weiter hinten in der Bibel, der im Taufbefehl, wieder auftaucht: Ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende. Ich bin bei Euch! Ob ihr es glaubt oder nicht. Ich bin bei Euch! Ob ihr um mich herum schwänzelt oder meiner spottet. Ich bin bei Euch! Ob ihr meine Kirche zugrunde wirtschaftet oder ob eine neue Kirche entsteht: Gott ist Gott! Daran kann niemand rütteln! Und darauf dürft und sollt Ihr Euch verlassen! Er ist der, der da war, der da ist und der da kommt. Und er wird mit Euch sein!

Und er hört auch Dein Schreien und er sieht auch Dein Elend! Und er spricht: So soll es nicht bleiben! Du brauchst keine Angst zu haben vor der neuen Woche. Ich werde mit Dir sein! Ach, es gibt Menschen, für die ist der Montag noch weit. Die haben Angst vor der kommenden Nacht, vor den Schmerzen, von den Bildern und Träumen, vor den schweren Fragen und den dunklen Gedanken. Fürcht Dich nicht vor der Dunkelheit. Weg, Phantasie! Mein Herr und Gott ist hier, Du schläfst, o Wächter, nie!

Und Gott spricht weiter und sagt: Du bist für mich nicht derjenige, den ich danach beurteile, was er zustande bringt oder was ihm unter den Händen zerrinnt, wie viel Schuld ihn trifft an der Zerschlagung der Freundschaft oder der Familie. Das wiegt schwer. Das tut weh. Aber noch schwerer wiegt das Versprechen: Ich werde mit Dir sein, trotzdem!

Du bist für mich nicht derjenige, der erwerbsunfähig ist! Ja, daran hast du zu tragen! Das ist schlimm! Aber auch Dir gilt: Ich werde mit Dir sein!

Ich könnte weitermachen. Und noch viel mehr kann das jeder selber für sein Leben. Bei Gott zählt nicht groß vor der Welt oder klein. Da zählt nicht: Ich bin o.k. – Du bist o.k. Da zählt Immanuel: Gott ist mit uns!

Wie stünde es um uns, sähe Gott zuerst auf das, was wir sind: Brüchige Partner in vielerlei Hinsicht! Nicht gehaltene Versprechen! Ständige Überforderung! Und hier und da eine milde Gabe oder ein paar warme Worte, wenigstens!

Das ist aber um Gottes willen nicht alles, das ist nach seinem Willen nicht einmal entscheidend, sondern das andere zählt: Der, der dich geschaffen hat, der hält Dich fest und gibt Dich nicht preis! Und der wird eines Tages seine Stimme erheben und Dich zu sich rufen, wie er Mose gerufen hat und sagen: Ich bin mit Dir! Jetzt ist es genug! Jetzt hole ich Dich zu mir nach Haus! Ich lasse Dich nicht! Du bist mein!

Ist aber damit alles egal? Wenn Gott sowieso alles zum Guten wendet, ist es dann nicht einerlei, was ich hier auf dem Kerbholz habe? Die Protestanten sind Meister darin zu behaupten, es gebe keine dummen Fragen. Aber es gibt dumme Fragen, und es gibt falsche! „Ich werde mit Dir sein!“ heißt doch nicht, dass Gott den Totschlag des Mose einfach übergeht. Er hätte die Befreiung Israels ja auch mit dieser Bluttat beginnen können. Aber er wollte die Freiheit Israels nicht auf Gewalt stützen. Gott schwieg. Mose musste fliehen. Es war die falsche Tat. Nein, es ist nicht egal, was wir tun oder lassen!

Wenn der Satz gilt: „Ich werde mit Dir sein!“, für mich und für Dich gilt, dann ist es nicht egal, wie wir einander begegnen, wie wir miteinander umgehen, sondern dann sollen wir im andern den erkennen, mit dem Gott ist, dann ist der Nächste für uns Immanuel, dann soll er uns heilig sein, dann kommen wir von 2. Mose 3 zu 1. Korinther 13, dann zählen Langmut und Freundlichkeit, dann kommen wir zu Römer 12, wo steht: Haltet nicht mehr von euch, als sich’s zu halten gebührt, seid ohne Falsch, seid brennend im Geist. Dann kommen wir zu Micha 6, wo es heißt: „Es ist Dir gesagt, Mensch, was gut ist …“

Ich möchte wohl, dass Sie sich, wenn Sie die Frage spüren „Wer bin ich?“ oder die andere „Wer bist Du?“ oder wenn Ihnen noch einmal dieser Text in den Sinn kommt, dass Sie sich dann nicht ärgern über brennende Büsche oder über die armen Perisiter und Jebusiter, die es schon lange nicht mehr gibt, sondern erinnern an Gottes bleibende antwort, an diese Antwort der Treue, die aufflammt, ohne zu verbrennen: „Ich bin ich“ und „Ich werde mit Dir sein“. Auch mit Dir!

Wer bin ich? Die Frage bleibt. Und Menschen  haben sie sich immer wieder gestellt. Viele sind an ihr verzweifelt, weil sie mehr sein wollten als sie konnten, andere, weil sie schlechter von sich dachten, als sie waren. Und einer, der nicht verzweifelt ist, aber ermordet wurde, Dietrich Bonhoeffer, der hat eine Antwort gegeben, die nachzulesen lohnt. „Wer bin ich?“, fragt er in einem Gedicht aus dem Gefängnis:

Wer bin ich?
Von Dietrich Bonhoeffer

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träge aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig.
Ringend nach Lebensatem, als würgte mit einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn oder Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott,
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

(16. Juli 1944, Haftanstalt Tegel)



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